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Die Sache mit der Ernährung

Laut der WHO leiden 18% der Mädchen und 14% der Jungen unter Übergewicht oder Adiposität, Tendenz durch die aktuelle Lage steigend. Unsere Blog-Autorin Madeleine Krehahn berichtet, wie das Projekt „Abenteuer Essen“ diese Entwicklung ausbremsen kann.

Gerade im Stress des Alltags leidet ein Thema in unserem Leben ganz besonders: unsere (eigentlich) ausgewogene und gesunde Ernährung. Die Pandemie multipliziert dieses Stresserleben: Das belastete Gesundheitssystem, die psychische Zermürbung der Menschen durch Einsamkeit und die schwerwiegenden wirtschaftlichen Einschränkungen haben schwere Folgen, bei Kindern noch gravierender als bei Erwachsenen.

Mehr Einschränkungen, weniger Bewegungen, hoher Stress der Eltern durch Homeoffice oder wirtschaftliche Ängste - die aktuelle pandemische Lage führt in vielen Haushalten zu einem Alltag mit einer schnellen, weniger gesunden Ernährung und viel Zeit in den eigenen vier Wänden.

Die Zahlen und Auswirkungen dieser Krankheit sind alarmierend. Eine Möglichkeit, präventiv und interventiv gegen Adipositas zu wirken, stellt das Projekt „Abenteuer Essen“ dar. Zur Vorstellung des Projektes haben wir Prof. Dr. Annette Schneider zu einem Interview eingeladen. Die Professorin ist promovierte Diplom-Biologin mit den Schwerpunkten Physiologie, Verhaltensbiologie, Anthropologie und Psychologie im Nebenfach. Vor ihrer Zeit an der SRH hat sie in der Gesundheitsprävention und in der ambulanten Therapie für adipöse Kinder und Jugendlich gearbeitet.

Frau Schneider, Sie haben sich schon in vielen Gesundheitspräventionsprojekten  für Jugendliche und Kinder eingesetzt. Was ist das Besondere an Ihrem Projekt „Abenteuer Essen“?

„Abenteuer Essen“ ist ein gesundheitsförderndes Projekt zur Stärkung des Ernährungsbewusstseins bei Vorschulkindern. Das Projekt ist über Drittmittel finanziert und richtet sich an Kinder, deren Eltern und die pädagogischen Fachkräfte von Kindertagesstätten (Kinderkrippen und Kindergärten) in der Rhein-Neckar-Region. Interessierte Kitas können ein Jahr kostenfrei an dem Projekt teilnehmen und dabei von den Abenteuer Essen-Angeboten profitieren und ihre pädagogische Arbeit im Ernährungsbereich ausbauen.

Über das Setting Kindertagesstätte sind Kinder und deren Eltern gut zu erreichen, da aktuell knapp ein Drittel der unter Dreijährigen eine Krippe und mehr als 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergarten besuchen. Damit kommt den Kitas eine zentrale Rolle bei der Förderung eines bewussten Essverhaltens zu. Pädagogische Fachkräfte können den Kindern nicht nur grundlegende Alltagskompetenzen vermitteln, sondern sie mit vielseitigen Bildungsangeboten rund um das Thema Ernährung in ihren Lern- und Handlungskompetenzen unterstützen. Weiterhin soll mit einer partizipativen Elternarbeit ein gesundheitsorientiertes Ernährungsverhalten auch in die Familien getragen werden.

Madeleine Krehahn studiert Psychologie an unserer Hochschule und schreibt für diesen Blog.
Prof. Dr. Annette Schneider leitet den Studiengang Kindheitspädagogik an der SRH Hochschule Heidelberg und "Abenteuer Essen", ein Projekt zur frühkindlichen Ernährungsbildung.

Was ist Adipositas eigentlich?

Die WHO definiert Adipositas als eine der ernstzunehmenden Probleme der Menschheit des 21. Jahrhunderts. Allgemein spricht man bei Erwachsenen ab einem Body-Mass-Index über 25 von Übergewicht, ab 30 von Adipositas. Beides stellt ein abnormes Risiko für die Gesundheit dar und kann Erkrankungen wie Diabetes, Psychosoziale Belastungen, Störungen im Hormonhaushalt, Verschleißschäden am Stütz- und Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Entzündungen und Obstruktives Schlafapnoe Syndrom zur Folge haben.

Warum sind gerade die ersten Lebensjahre so entscheidend für das spätere Essverhalten im Erwachsenenalter?

Die ersten Lebensjahre entscheiden darüber, wie sich die Ernährungsweise und das Essverhalten im späteren Leben entwickeln. Schon über die Muttermilch machen Kinder erste Erfahrungen über die familiäre Nahrungszusammensetzung, wodurch bereits erste Nahrungsmittelvorlieben und -abneigungen ausgebildet werden. Kinder eignen sich schon sehr früh über Beobachtung bzw. Erfahrung und Imitationslernen familiäre Ernährungsgewohnheiten an, zum Beispiel zur Lebensmittelauswahl oder Portionsgröße, wie gegessen wird, ob gemeinsam am Tisch oder jeder nebenbei an seinem Schreibtisch, und wie oft, das heißt wie viele Mahlzeiten am Tag eingenommen werden. Diese Erfahrungen prägen das spätere Ernährungsverhalten

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit ist Adipositas bei Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren in den letzten Jahren auf 5,9 Prozent gestiegen. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Die Lebenswelt der Kinder hat sich sehr verändert: Kinder können nicht überall rausgehen zum Spielen, sie werden mit dem Auto zur Kita oder Schule gebracht, Lebensmittel stehen unbegrenzt zur Verfügung, erhöhter Zuckerkonsum, versteckte Fette in Lebensmitteln – das alles führt zu mehr Sitzzeiten und weniger Bewegung und dadurch zu Gesundheitsschäden. Außerdem dient Essen nicht mehr allein der Nahrungsaufnahme bei Hunger, sondern ist oftmals auch eine Ersatzbefriedigung, das heißt, die Kinder essen zum Beispiel aus Langeweile oder aus Frust.

Wie genau begleiten Sie die Kindertageseinrichtungen in Ihrem Programm?

Das Projekt unterstützt Kindertagesstätten dabei, ihre Aktivitäten und Angebote rund um das Thema Ernährungsbildung auszubauen und dauerhaft in den Kita-Alltag zu integrieren. Durch eine partizipative Elternarbeit sollen auch die Eltern mit ins Projekt integriert werden, um das Thema Ernährung für alle Beteiligten sichtbar zu machen und eine nachhaltige Verankerung sowohl im Kita- als auch im Familienalltag zu fördern. Im Vordergrund steht das gemeinsame Erleben, Ausprobieren und Begeistern rund um das Thema Ernährung. Dies sind Schlüsselsituationen für nachhaltige Lernerfolge und die Entwicklung einer gesunden Lebensweise. Die pädagogischen Fachkräfte werden bei ihrer Arbeit mit umfangreichen Projektmaterialien, ergänzenden Workshops und begleitenden Mentor:innen unterstützt. Die Projektinhalte basieren auf den DGE-Standards, also den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, und sind als Bildungsangebote konzipiert, die unterschiedliche Bildungs- und Entwicklungsbereiche ansprechen. Eine Dokumentation der durchgeführten Aktivitäten in einem dialogischen „Abenteuer Essen – Portfolio“ macht die Bildungsaktivitäten für die Kinder, deren Eltern und die pädagogischen Fachkräfte sichtbar.

Wie stellen Sie sicher, dass die Ernährungsberatung auch langfristig in den Alltag der Kinder integriert wird?

Das „Abenteuer Essen-Portfolio“ verbleibt in der Einrichtung, so dass die Dokumentation über das Projektjahr sichtbar bleibt. Darüber hinaus findet ein jährliches Vernetzungstreffen für alle Kitas statt, die jemals am Projekt teilgenommen haben. Hier werden Workshops als Fresh-up angeboten und die pädagogischen Fachkräfte haben Zeit, an dem kollegialen Austausch teilzunehmen. Neben den Treffen bieten wir weiterführende, niederschwellige Bildungsangebote über das Projektjahr hinaus auf der Projekt-Homepage an. Die Kindertagesstätten haben also die Möglichkeit, das ganze Jahr über ihr Ernährungsprogramm zu verbessern und mit uns in Kontakt zu bleiben.

Wie steht das Projekt in Verbindung zu dem Studienprogramm der Kindheitspädagogik an der SRH Hochschule Heidelberg?

Wir sind dankbar, dass das Projekt von verschiedenen Krankenkassen (BKK Pfalz, Pronova und IKK classic) und regionalen Firmen wie die BASF und Fuchs Petrolub gefördert wird. Wichtig ist es uns aber auch, es inhaltlich in unser Studienangebot zu integrieren: So haben wir das Thema Abenteuer Essen in einem Modul des Bereichs Bildungsmanagement Gesundheitsförderung mit Ernährungsschulung als Schwerpunktthema behandelt. Im Studienjahr 2020/21 hatten die Studierenden zusätzlich die Möglichkeit, im Modul „Kindheitsforschung“ kleine Studien aus dem Ernährungsbereich durchzuführen und wissenschaftlich aufzubereiten (https://www.abenteueressen.de/Wissenschaft). Bei zwei der aktuell am Projekt teilnehmenden Kitas haben Studierende der Kindheitspädagogik ihr Praktikum absolviert. Das bringt allen Seiten etwas!

Frau Prof. Dr. Schneider, ich danke Ihnen für Ihre Zeit und wünsche Ihnen alles Gute.

Studien zeigen unter anderem, dass Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten oder aus Immigrantenfamilien dreimal so häufig adipös sind wie solche mit hohem Sozialstatus. Das Projekt „Abenteuer Essen“ bietet jedoch vielen Kindern die Chance, ein Bewusstsein für eine gesunde, ausgewogene Ernährung zu entwickeln. Es gleicht die soziale Ungleichheit bezüglich der Ernährung aus, indem es auch solchen Kindern eine Chance bietet, deren Eltern oder Erziehungsberechtigte zu Hause keine Zeit dafür haben.

Zum Projekt Abenteuer Essen